Rebecca C. Schnyder

AUTORIN

Wie Schwimmen

Warum stehst du am Fenster? Was suchst du, da am Fenster, mitten in der Nacht. Denn es ist mitten in der Nacht, ist es das nicht? Du schweigst. Ich frage mich, was du suchst, wenn du mitten in der Nacht am Fenster stehst. Nein, ich frage nicht. Ich weiss es. Nicht mich. Mich suchst du nicht. Denn sonst würdest du nicht aus dem Fenster schauen, mitten in der Nacht. Wenn du mich suchen würdest, dann ständest du nicht da. Wenn du mich suchen würdest, lägst du hier, hier im Bett neben mir. Du hast schon lange aufgehört mich zu suchen. Denn mich hast du schon gefunden. Und in dem Moment musstest du mich nicht mehr suchen. In dem Moment hast du angefangen, mitten in der Nacht am Fenster zu stehen und in die Dunkelheit zu schauen. Du hast begonnen, zu suchen. Aber da gibt es nichts zu finden, die Nacht gibt dir nichts, dass du finden könntest, will ich dir sagen. Ausser die Dunkelheit.

Gib mir deine Hand, sagtest du einfach und hieltest mir deine hin. Diese Hand, die mir so vertraut geworden ist. Und die du mir bald wieder entziehen wirst. Gib mir deine Hand, sagtest du einfach und ich gab sie dir. Du hast mich mit dir gezogen. An jene Orte, die du mochtest und ich nicht kannte. Hast mich mit dir gezogen in all die Ecken deines Lebens, an denen deine Erinnerungen klebten. Es sind niemals unsere geworden. Ich habe versucht Schritt zu halten mit dir. Habe versucht diesem schönen Menschen zu folgen, der mich mit sich zog. Und immer wieder habe ich den Anschluss verpasst. Ob es das ist, warum du jetzt am Fenster stehst? Weil ich nicht Schritt halten kann und konnte? Weil ich hingefallen bin, im Versuch, an dir dran zu bleiben? Stehst du deshalb jetzt am Fenster und suchst mit deinen Augen in der Nacht?

Du wunderlicher Mensch, wunderlicher Mann, der du bist. Auch heute noch staune ich. Staune ob deinem inneren Gewässer, das wie ein wilder Bergbach das Leben hinabstürzt. Von keinem Felsen aufzuhalten. Und genau dieser wollte ich für dich sein. Und konnte es nicht, weil du keinen willst. Nein, du lässt dich nicht bändigen, du lässt dich nicht aufhalten. Du stürzt immer weiter. Wohin, das spielt keine Rolle für dich. Und ich habe versucht, dir zu folgen ohne zu stürzen. Und mit dieser leeren Betthälfte neben mir, weiss ich, dass ich gestürzt bin. Unaufhaltsam gestürzt, mitten in dein inneres Gewässer. Das Schwimmen darin habe ich nicht gelernt. Dafür war keine Zeit, schwimm oder geh unter. So ist es an deiner Seite, schwimm oder geh unter.

Ich hab sie alle gesehen, deine Erinnerungen. Hab sie in mich aufgenommen, sie absorbiert. Habe sie alle behalten, weil ich dachte, sie geben mir einen Hinweis auf dich. Einen Hinweis darauf, wie dieser wunderliche Mann seine Wege wählt. Weil ich hoffte, mich vorbereiten zu können. Aber dieses Wort existiert nicht an deiner Seite. Es gibt kein vorbereiten, kein planen, kein was ist morgen. Mit dir gibt es nur Jetzt. Sofort. Immer. Und Nie. Mit dir gibt es nur dich. Dich, der du am Fenster stehst und suchst, weil du mich schon gefunden hast. Suchende Augen können nicht finden, will ich dir sagen. Und schweige doch. Denn du hörst nicht. Aber deine Stimme klingt in meinem Ohr, auch wenn du nichts sagst. Zu oft hast du auf meinem inneren Klavier gespielt, als dass ich deine Musik vergessen könnte. Die Töne werden mich begleiten, auch wenn du es nicht mehr tust. Du bist ein grausamer Komponist. Obwohl, hast du mich je begleitet? Denn du gehst nur deine Wege. Du gehst, läufst, rennst nur dorthin, wo es dich ruft. Nie haben deine Orte meinen Namen gerufen. Sie kennen meinen Namen nicht.

Du gehst, läufst, rennst und hinterlässt deine Erinnerungen. Hinterlässt Erinnerungen an dich, aber niemals an uns. Wieso ich in diesem Bett liege, während du am Fenster stehst? Wieso ich nicht die Decke zurückschlage, aufstehe und das Zimmer verlasse? Dich verlasse? Ich gebe dir keine Antwort, weil auch die du nicht hören willst. Weil du sie nicht zu hören brauchst. Und weil du nicht fragst.

Ich hab mir deine Welt erlebt. Und ich hab mir deine Welt erliebt. Erschaffen hast du sie. Und mich an deiner Hand mit hinein gezogen. Und während du am Fenster stehst und ich darauf warte, dass deine Augen vom Suchen müde werden, weil du nichts finden wirst mitten in der Nacht, bleib ich liegen. Ich bleibe liegen, im Denken, dass sich diese leere Betthälfte wieder füllen wird mit deinen Erinnerungen. Bleibe liegen, weil ich mich deiner Welt nicht entziehen kann. Und weil ich glauben will, dass ich vielleicht doch irgendwann, dass ich doch eines Tages noch das Schwimmen erlerne.  


unveröffentlicht